2. März 2016

Radeln wie ein Lemming: Downhill!

Die spinnen. Das ist alles, was ich denken kann, als ich zum ersten Mal unten im Bikepark des kanadischen Whistler stehe und hinaufschaue. Zig Männer und vor allem auch nicht weniger Frauen finden es sportlich und offenbar auch lustig, sich in einem Park, der aus staubigen Hügeln, Kurven und Sprungmöglichkeiten besteht, wie die Lemminge in halsbrecherischem Tempo hinabzustürzen. Ehrlich gesagt bin ich skeptisch; den Berg fährt man mit dem Lift hinauf und gefährlich ist es auch – das soll Sport sein und Spaß machen?

Downhill heißt der Bikesport jedenfalls, der sich auch in Europa immer größerer Beliebtheit erfreut – in Österreich gibt es zahlreiche Parks – und den ich gleich mit Profi-Bikerin Katrina Strand ausprobieren darf. Ich kann ja einigermaßen skifahren, bin mit Bergen von Kindheit an vertraut – aber durch ausgewaschene, sandige Kurven den Berg hinunter zu preschen, um anschließend mit einem umgebauten Skilift mitsamt dem Bike den Berg hinaufzufahren – also ich weiß nicht…

Zunächst werde ich am Fuße der Garibaldi-Liftstation mit Protektoren ausgestattet, die mir blitzschnell den Look einer ungelenkigen Riesenschildkröte verleihen. Zur besseren Tarnung gibt’s noch einen Fullface-Helm dazu und ein unglaublich schweres Mountainbike. Es wiegt geschätzte 20 Kilo; ich dachte, die Dinger wären mittlerweile ultralight? „Du brauchst das Gewicht, um Tempo zu machen – und fühlst dich außerdem sicherer“, erklärt mir unsere Profibikerin Katrina, die unerwartet hübsch ist und ebenfalls Protektoren trägt. Nur hat sie ein cooles Shirt darüber, was sie eher aussehen lässt wie die coole Schwester von Colt Sievers. Ich fürchte, ich sehe ziemlich dämlich neben ihr aus. Gut, dass man mich mit dem Helm ohnehin nicht erkennt…

„Wieso haben die Räder keine Clickpedale?“, frage ich ganz unbekümmert und zwei Biker, die neben uns stehen, sehen mich fassungslos an. Das war offenbar die No-go-Frage in Whistler. Katrina errötet leicht, zieht mich zur Seite. „Du darfst nicht am Rad fixiert sein, falls du stürzen solltest. Downhill hat nichts mit Mountainbiken zu tun, wie du es kennst!“ Aha. Ich bin verwirrt und halte vorsichtshalber die Klappe. Dann muss ich das Schwergewicht zum Bike-Lift schieben, was mir den Schweiss auf die Stirn treibt. Oben angekommen, muss ich zunächst auf einer Wiese die richtige Kurventechnik üben: Rad in die Kurve drücken, Körper in die andere Richtung lehnen. Was ganz wichtig ist: Nicht hinsetzen! Das Rad hat zwar einen Satte, aber der ist so niedrig gestellt, dass man wirklich nur kurz in der Ebene Platz nehmen kann. „Dein Hebel ist viel größer, wenn du stehst“, erklärt Katrina – klingt logisch. Als sie mir kurz darauf die Piste zeigt, die ich runterfahren soll, klingeln meine Alarmglocken im Kopf: Eigentlich wollte ich biken und nicht den Rest des Urlaubs mit gebrochenen Knochen im Krankenhaus liegen! Katrina wischt meine Bedenken mit einem charmanten Lächeln beiseite: „Sieh einfach dort hin, wo du hinfahren willst. Lass die Angst einfach nicht zu!“ Ich bin skeptisch. Dann nehme ich allen Mut zusammen und stürze mich waghalsig den Berg hinunter. Die Angst geht nicht weg, sitzt mir im Nacken. Ich fahre trotzdem weiter. Die ersten paar Kurven sind schrecklich, ich muss mich sehr konzentrieren und habe ständig Angst, zu stürzen. In einer kurzen Pause gibt mir Katrina den entscheidenden Tipp: „Es ist wie beim Skifahren: Geschwindigkeit gibt Sicherheit!“ Diesen Satz habe ich schon tausendmal gehört und wenn Schnee liegt, kann ich ihn auch ganz gut umsetzen. Aber wenn man jeden Stein, jede Gefahr sieht? Ich wage es einfach mal. Mein Puls beschleunigt sich, ich muss wirklich jeden Muskel anspannen und nach der ersten Abfahrt bin ich überrascht: Das ist ja doch anstrengend!

Wir fahren noch ein paar Mal hinauf und zwischendrin schaffe ich es auch, richtig Gas zu geben und meine Angst wegzusperren. Dann macht es auch richtig Spaß. Abends bin ich ziemlich müde, aber eines habe ich kapiert: Lemminge haben ziemlich viel Spaß am Berg.

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