24. Dezember 2015

New York Fitness Trends: Jivamukti-Yoga

Turnen für den Weltfrieden? Vegetarier werden für eine bessere Performance? Stars in der Manege? Yoga „New York Style“ has it all!

Vor fast 15 Jahren habe ich eine freakige Yoga-Variante in New York getestet. Das hier ist mein erster Eindruck von der Yoga-Art, in der ich mich später zur Lehrerin ausbilden ließ und die bis heute die Basis und das Fundament meines Yoga-Unterrichts bildet. 

Im ersten Moment finde ich es weniger flippig, sondern eher stark grenzwertig, was ich so an Aussagen auf der Webseite des Jivamukti-Centers in New York finde. Die Erfinder rühmen sich selbst ganz ordentlich und irgendwie erinnert der Auftritt ein wenig an eine Sekte. Und das soll also die neue, inspirierende, aufregende Art der Yoga-Entwicklung sein? Sogar Christie Turlington (ein alterndes Supermodel) und Sting (den muss man nicht erklären) machen da mit. Ein entscheidendes Argument überzeugt mich dann doch, die Yoga-Variante persönlich testen zu wollen: Jivamukti-Yoga wird zu Musik unterrichtet. Und das muss nicht unbedingt indische Klänge bedeuten, sondern jede Art von Musik ist zugelassen – ganz nach Geschmack und Vorlieben des jeweiligen Lehrers. Ich bin neugierig: Als alte Aerobic-Tante bin ich an Bewegung zur Musik erstens ohnehin schon gewöhnt, auf der anderen Seite kann ich mir auch vorstellen, dass die Bewegungsqualität dadurch intensiver wird. Das muss ich testen. Meine Yoga-Praxis hat sich bisher eher auf einem niedrigen Level abgespielt und Kurse in meinem Stamm-Fitnesscenter wurden im Grunde wie fortgeschrittene Stretching-Kurse mit anschließendem Schneidersitz abgehalten. Dazu hat Ushula (vor der Erleuchtung hieß sie wohl Ursula) ein Räucherstäbchen angezündet – und fertig war der Münchner Yogakurs. Also trete ich den Weg ins Downtown-Center an und wundere mich schon wieder, als ich es dann endlich betrete. Das Center erinnert mich an ein Hippie-Café, ist aber unglaublich stylish eingerichtet. Klar riecht es nach Räucherstäbchen, aber es gibt eben auch ein Geschäft und ein Café in den Räumlichkeiten. Machen moderne Yogis Geschäfte mit dem OM?

Ich melde mich an, bezahle und ziehe mich um. Neben mir: Lauter superschlanke, toll aussehende Frauen, die Hosen und Tops mit dem Om-Zeichen in gedeckten Farben tragen. Natürlich organisch angebaute Baumwollqualität, vermute ich. Den richtigen Raum finde ich relativ einfach, obwohl einige Kurse nebeneinander stattfinden. Ich bin überrascht, wie voll der Kurs ist. Hier liegt Matte neben Matte, dicht an dicht werden immer mehr Menschen in den Raum gequetscht. Dann geht es los: Rund 40 Menschen singen dreimal Om, ich inklusive. Das kommt sehr konspirativ rüber und ich fühle mich ruck, zuck wie ein Teil der Gemeinschaft und bin schon ein wenig entspannter. Komisch, ich dachte eher, dass es sich seltsam anfühlen würde. Weiter geht’s mit Mantren, die wir etwa 20 Minuten gemeinsam singen – ich fühle mich ein bisschen komisch, das ist ein wenig gewöhnungsbedürftig. Immerhin habe ich zehn Jahre lang äußerst widerwillig die Quetschkommode mangels Platz für ein Klavier bedienen müssen und fand es immer einigermaßen furchtbar, „Let it be“ im Dreivierteltakt zu quetschen. Das Harmonium, was die Lehrerin Yogeshwari benutzt, klingt dagegen wirklich gut und ich denke, es ist dank fehlender Bässe auch leichter zu bedienen. Es folgt eine Art Vortrag, es geht um den sogenannten „Fokus des Monats“. Dieser Teil erinnert mich ein wenig an eine Kirchenmesse und hätte meinetwegen entfallen dürfen. Den Inhalt kann ich mir sowieso nicht merken und er interessiert mich ehrlich gesagt auch nicht weiter. Dann geht auch schon die Praxis los:

Wir stellen uns an den Anfang der Matte, gleichzeitig schmeichelt sich in einer ganz ordentlichen Lautstärke ein schöner House-Bass in meine Ohren. Damit habe ich nicht gerechnet, aber es bleibt kaum Zeit zum Verwirrtsein. Sonnengebete werden zügig durchgeturnt, immer wieder, immer mal wieder anders. Kriegerposition 1, 2 und 3 wechseln sich ab, mal werden die Positionen nur kurz, dann wieder unerträglich lang gehalten, aber immer sind die Moves auf die Musik abgestimmt. Ich komme ins Schwitzen, die Atemfrequenz steigt. Das Tempo ist schnell, es wird leicht dampfig im Übungsraum. Als ich nach etwa 30 Minuten mit nichts Anstrengendem mehr rechne, geht es erst richtig los: Zu einem Beatles-Song sollen wir aus einer Dreiecksposition heraus die Arme unter einem Bein verknoten, dann aufstehen und das Bein ausstrecken – ich komme mir vor wie im Artistik-Kurs für Profis. Jeder andere im Raum außer mir kann die Bewegung ausführen. Wie kriegen die das hin, gleichzeitig die Balance zu halten und dann auch noch die Beine spagatartig zu strecken? Sogar die Männer (es sind tatsächlich etwa 15 Männer anwesend) kriegen das teilweise mühelos hin! Schlagartig wird mir klar, dass wahrscheinlich sämtliche Broadway-Tänzer New Yorks hierher kommen, denn das Center liegt direkt am Broadway. Na klar, dass sind alles Profis! Und wie elegant die Moves vieler Leute hier aussehen! Ich bin beeindruckt, so viel Anmut und Bewegungspräzision habe ich selten live erleben dürfen. Dann kommt die Lehrerin auf mich zu und hilft mir. Legt ihre Hände auf meine Hüfte, zieht meine Schultern zurück – und schwupps, ist das Bein gestreckt. John Lennon rules! Genial, ich kann einen Spagat im Stehen! Vor lauter Freude falle ich blöderweise um, als die Lehrerin von mir ablässt. Es folgen noch sechs weitere Kunststückchen, wir balancieren auf wahlweise zwei Händen oder einem Fuß und verrenken uns weiterhin enorm. Das macht Spaß!

Nach einer Stunde und zwanzig Minuten bin ich vollkommen ausgepowert; das war definitiv die anstrengendste Yogastunde meines Lebens. Erschöpft sinke ich nach drei Rädern und der Fisch-Position endlich in die Totenstellung Savasana und entspanne mich. Mit einem Mal rieche ich den angenehmen Duft einer Tigerbalsam-artigen Creme und spüre sanfte Hände, die meinen Nacken kneten – wie angenehm! Auch das ist eine spezielle Eigenheit, die im Jivamukti-Yoga gepflegt wird: So viele Schüler wie möglich bekommen eine Mini-Nackenmassage zum Schluss. Glück gehabt, bei 40 Schülern! Als ich das Center verlasse, macht sich ein Zufriedenheitsgefühl breit. Ich bin so entspannt wie selten, fühle mich gefordert und vom Scheitel bis zur Sohle perfekt gedehnt. Mit Sicherheit gehe ich aufrechter, schwebe fast schon. Ob das dem Weltfrieden geholfen hat? Ich weiß es nicht. Effektiv für Muskeln und Beweglichkeit war es allemal, wie mir mein Körper am kommenden Tag verrät. Und er wollte mehr davon: Die folgenden vier Wochen bin ich viermal wöchentlich in das Center gegangen. Ich besitze allerdings immer noch keine Baumwollhosen. Dafür trainiere ich seitdem auch in München gelegentlich noch im Jivamukti-Center und bin der Meinung, dass Musik beim Yoga etwas Wunderbares ist. Dreimal Om, einmal Shanti und viel Freude beim Ausprobieren: www.jivamuktiyoga.com oder www.jivamukti-muenchen.de

 P.S.: Wenn mir damals jemand erzählt hätte, dass ich selber mal Jivamukti-Lehrerin sein würde – ich hätte es wohl nicht geglaubt… Wer seine eigene Yoga-Reise gerne bei mir starten möchte: Schaut öfter auf dieser Seite vorbei, es gibt bald wieder neue Termine und neue Kursorte!

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