8. Februar 2016

Lang, länger – Marathon!

Marathonläufer sind seltsame Menschen. Sie laufen in Mülltüten gehüllt herum…Etwas verlassen stehe ich am Startpunkt des Hanse-Marathons. Es ist Ende April 8 Uhr morgens, eisig kalt. Ein bisschen aufgeregt bin ich ja schon. Warum ich das mache? Größenwahn, vermutlich. Wenn ich mich umsehe, komme ich mir nämlcih höchst unprofessionell vor. Weder ein Getränkegürtel mit schicken kleinen Zaubertrank-Fläschchen daran noch irgendwelche teuren Kraftfutter-Riegel, auf denen „Power“ oder „Energy“ steht, gehören zu meiner Ausrüstung. Auch kein Trikot mit schnell aussehenden Streifen oder funktionellen Belüftungsschlitzen. Ich bin der Opel unter den Marathon-Ferraris. Das einzig wirklich teure Stück an meiner Ausrüstung sind die Schuhe, die knapp 200 Euro gekostet haben.

Wohin eigentlich mit dem Startbeutel? Irgendwo konnte man doch die Tüten abladen… Und was soll ich eigentlich mit meiner Jacke machen? 42,195 Kilometer mitschleppen? Aha, kapiert: Die mit den Mülltüten sind gar nicht so blöd, sondern eigentlich recht clever. Das Plastik hält die Körperwärme am Leib und wegwerfen kann man die Dinger auch ganz easy. Genau wie die hässlichen Pullover, die ich überall sehe. Klamottenentsorgung mal anders. Na gut, aber meine Lieblingsjacke werde ich auf keinen Fall an die Kleidersammlung abgeben. Nach einem kurzen Temperaturtest muss nur die Weste in den Kleiderbeutel, den ich abgeben kann und im Ziel wiederbekomme. Das Ärmelteil mit der Kapuze bleibt an und ist auch umgebunden kein großes Hindernis. Gut, dass ich eine lange Hose anhabe! Bibbernd und hüpfend steht die Menge am Start. Hoffentlich spricht mich jetzt niemand an, ich stehe unter Hochspannung und bin sehr konzentriert. Nochmal Kontrolle des Mess-Chips, der am rechten Schuh angebunden ist. Damit wird die Laufzeit registriert. Füße und sämtliche Nähte am Top sind bereits mit Vaseline eingeschmiert, um Scheuerstellen zu vermeiden. Blick auf die Pulsuhr, gleich geht’s los.

Der Startschuss fällt. Es passiert: Nichts. Dan ein kleiner Ruck, die Menge setzt sich langsam in Bewegung. Es kommt zum Gedränge, Läufer von hinten wollen überholen. Lauf über den Zeitnehmer, einen roten Plastikteppich, der bei jedem Läufer mit Chip piepst. Jetzt geht es also wirklich los. Ganz unspektakulär, überraschenderweise. Wie ein morgendlicher Routinelauf fühlt es sich an, aber tief innen sitzt die Gewissheit, dass das Gefühl diesmal ziemlich trügt. Die Läufer ziehen langsam an, es geht stadtauswärts, parallel zum Hafen in Richtung Blankenese. Das Tempo wird schneller, langsam entzerrt sich der Trupp, entsteht mehr Bewegungsspielraum. Die Strecke ist abgesperrt, dahinter steht eine nicht abreißende, anfeuernde Menschenmenge. Viele haben Plakate dabei, einige haben sich die Gesichter bemalt, alle schreien durcheinander. Ein komisches Gefühl, durch dieses Menschenspalier zu laufen, aber motivierend. Der Weg führt über den Kiez, an der Seite stehen barbusige Frauen, abgestürzte Nachtmenschen und wieder unzählige Zuschauer, die die Läufer mit Rufen wie „Hopp, hopp! Haltet durch!“ anfeuern. In der ersten reihe steht ein kleines Mädchen mit einem Stück Papier in den Händen: „Mami, du schaffst es !“ Einen Moment lang bereue ich es, dass ich Freunden und Familie das Zusehen unter Androhung von großer Verärgerung untersagt habe und alleine nach Hamburg gekommen bin.

Ich bin zu schnell, das weiß ich. Aber die Masse zieht, lässt alle guten Vorsätze zum Langsamlaufen verpuffen. Anfängerfehler, echot es in meinem Kopf. Zügeln? Keine Chance, es geht einfach nicht. Ich genieße den Anblick der wunderschönen Stadt und versuche, alle anderen auszublenden. Das ist nicht einfach bei dem Trubel, aber nach einigen Kilometern gelingt es. Irgendwann kommt der Umkehrpunkt in Blankenese und der Weg führt zurück in die Innenstadt. Kurz vor dem Fischmarkt geht es zunächst leicht bergauf, dann leicht bergab: was für eine Wohltat!

Die erste Versorgungsstation naht, nur noch wenige Meter bis zu den Bananen und dem wasser. Ich nehme beides, stopfe mir ein Bananendrittel in den Mund und schütte mir die Hälfte des Pappbecherinhalts leider über das Shirt. Egal, weiter geht’s. Nach ein paar Kilometern spricht mich ein Mitläufer an: „Hallo, wie heißt du? Wir haben das gleiche Tempo, laufen wir ein Stück zusammen?“ Hubert wohnt ebenfalls bei München und wir sprechen ein paar Kilometer lang über Sport, das Lauftraining an sich und über Sport allgemein. Es ist sehr kurzweilig, aber ich merke, dass mir Hubert einen Tick zu schnell ist. Ich halte Kriegsrat mit mir selbst. Bis jetzt habe ich bei den Kilometermarken weggesehen, wollte nicht wissen, wie weit oder nah das Ziel entfernt ist. Ich ertappe mich, wie ich bei km 18 auf das Schild linse. Dann fasse ich mir ein Herz und sage meinem Mitläufer, dass ich sein Tempo nicht mitlaufen kann. Er reagiert supernett und meint, dass er mich noch ein wenig begleitet. Das ist toll, denn alleine laufen erfordert noch mehr Willenskraft, als zu zweit vor sich hin zu traben.

Schließlich verabschiedet sich Hubert. Eine ganze Weile noch trabt er vor mir her, dann verschwindet er in der Menge. Mittlerweile ist es sehr sonnig geworden, fast schon heiß. Das Kapuzentop wandert auf die Hüften. Ich wünsche mir eine Sonnenbrille auf die Nase. Die Hitze bremst – nicht mein Wetter, das war schon bei den sonntäglichen Laufeinheiten letzten Sommer klar. Langsam melden sich auch meine Beine. Tempo und Technik lassen schon seit km 25 zu wünschen übrig. Also konzentrieren: Steißbein runter, Bauch fest, Schultern zurück. Und immer wieder: Abrollen, nicht aufpatschen. Die Kilometer werden zäh, ziehen sich wie ein Gummiband dahin. Immer länger dauert es von Schild zu Schild, auf dem die Kilometer vermerkt sind. Bestimmt haben die Marathonhelfer die Schilder falsch aufgestellt. Irgendwer muss ja schließlich schuld sein. Ich kriege echt miese Laune.

Dann komme ich in die City Nord. Es geht wieder leicht bergab. Eine Combo steht am Straßenrand, macht Musik. Überall Leute, schon die ganze Zeit. Unglaublich. Manche Leute, die an der Strecke wohnen, machen aus dem Laufevent eine Party. Haben CD-Anlage, Grill und Bierfässer in den Vorgarten gestellt und sehen uns zu. Ich komme mir vor wie eine Kuh, die den Almabtrieb mitmacht.

Mit einem Mal kippt mein Körper Endorphine aus, nicht zu knapp! Ich habe das Gefühl zu schweben. Meine Beine sind ganz leicht, ich laufe und laufe, mindestens fünf Kilometer lang, ohne nachzudenken. Dann lässt das Gefühl wieder nach, leider. Ich bin etwas benommen, aber meine Beine holen mich schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Dass die vorderen Oberschenkel mal schmerzen können bei einem längeren Lauf, das ist klar – aber auch die Rückseiten? Ich bin beleidigt, fühle mich von meinem Körper verraten. Mein Kopf wird trotzig. Kommt nicht infrage, aufzuhören, auch wenn es die Beine immer vehementer fordern. Dann kommt das Schild von km 35 und ich weiß, das alles, was ich gerade erlebe, ganz normal ist. Dann schleicht sich ein Gedanke ins Hirn: „Du könntest doch mal gehen zwischendrin, so wie die da drüben!“ Ausprobieren. Die Rechnung kommt sofort: Die Beine schmerzen schlimmer als zuvor und ich jogge lieber wieder. Hoffentlich bekomme ich keinen Krampf. Kurzes Stretching, wieder laufen. Es ist ein Teufelskreis: Laufe ich, schmerzen die Beine, gehe ich, wird es schlimmer, stretche ich, komme ich nicht voran.

Bei km 40 spricht der Stolz ein Machtwort: Kein Stopp mehr bis zum Ziel. Die Beine beschweren sich, auch der Po ist bretthart. Dann ein Plakatträger: „Noch 800 Meter bis zum Ziel!“ Ich nehme meine letzten Reserven zusammen, ignoriere Kopf, Lunge, Beine und Po und werde schneller. Atmen kann ich später, denke ich und renne. Renne um die Kurve, immer weiter, immer weiter, bestehe nur noch aus Laufschritten. Der Mann mit dem Plakat hatte offenbar keinen Kilometerzähler dabei, denn ich laufe schon eine ganze Weile, gehe eine riesige Sauerstoffschuld ein. Dann rückt das Ziel in mein Blickfeld: Nun ist es noch realistische 800 Meter weit weg. Durchhalten, gleich geschafft!

Mit allerletzter Energie geht’s über den Zeitmesser, dann sofortiger Stopp. Mitten im Weg, nach Luft japsend und rot wie eine Tomate, kein Meter geht mehr. Egal. Ich will nur noch eines: Liegen. Und Wasser. Viel. Trinken, sofort. Wie ein Grobmotoriker schleppe ich mich Richtung Ausgang. Irgendwer hängt mir eine spielkartengroße Medaille um, aber ich kann nur an meine brennenden Füße denken. Spüre mindestens vier Blasen. Dann endlich realisiere ich, was passiert ist: Ich bin im Ziel, habe es geschafft! Ich könnte heulen vor Freude, verschiebe das dann doch auf „nach den ersten paar Litern Wasser“. Später schleppe ich meinen geschundenen Körper vor die Halle, in der ich meine Jacke abgeholt habe und lege mich irgendwo auf einer Wiese hin und schließe die Augen, um die Mundwinkel ein zufriedenes Lächeln.

 

Mehr Marathon-Infos und die nächsten Termine: www.marathon.de

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