22. Dezember 2015

Der Knicks vor den Bergen

Skifahren kann ich einigermaßen, im echten Leben mache ich pro Woche rund 300 Kniebeugen, dank Yoga klappt’s auch mit der Balance – Telemarken kann nicht so schwierig sein!, denke ich mir vollkommen unbekümmert und schnalle mir zwei Bretter unter, die mich schon seit Jahren auf und neben der Piste begleiten. Zwei stinknormale Alpinski, auf die ich mir eine Telemark-Bindung fest montieren ließ. Ich schiebe an, gleite los. Bereits der erste Berg, ach was, die 50 Meter Zubringer zum Lift erscheinen mir wie die Strafe Gottes. Seit wann, verdammt, ist diese Forststraße so vereist? Ist mir nie aufgefallen! Zack, ich liege auf der Nase. Im wahrsten Sinne des Wortes habe ich mich hingelegt, der Länge nach. Kein Wunder, die Skischuhe sind ja nur vorn am Ski befestigt und die Ferse ist völlig frei. Mein Skilehrer hat’s auch gesehen, das war ja klar. Mit einem breiten Grinsen erwartet er mich an der Liftstation.

„Das ist die ursprüngliche Form des Skifahrens“, erklärt mir Skilehrer Fritz, der auf seine Stöcke gestützt an der Kasse wartet. Eigentlich sollte das eine beruhigende Wirkung auf mich haben, denn Skifahren, das kann ich ja einigermaßen. Mein Gefühl zeigt mir sogleich die rote Karte und ich habe eine Vorahnung, dass das Unterfangen „Telemarken“ vielleicht doch ein wenig verzwickter sein könnte, als ich angenommen hatte. Fritz jedenfalls soll mich den ganzen Tag im Stubaital den Berg runterscheuchen – und mir dabei die Grundzüge des Telemarkens beibringen. „Knie beugen, Gewicht mittig halten, Bergski zurück“, erklärt er mir lapidar und ich habe die Hoffnung immer noch nicht aufgegeben, schon den ersten Hang hinunterzuflitzen wie Gold-Rosi die Kandahar. Also rein in den Lift, die Ski fahren außen an der Gondel mit und ich betrachte die sehr klapprig anmutende Bindung.

Oben ist es recht windig und ich schaffe es mit Müh und Not, die Bindung zu schließen, ohne wie ein fußlahmer Holländer am Boden zu liegen. Angestrengt rappele ich mich auf und lausche den ersten Instruktionen des Profis: „Ins Knie, in der Kurve hoch und Ski wechseln, dabei die Ski gleichmäßig belasten.“ Na gut, dann mal los! Ich gebe mein Bestes und rutsche wie in Zeitlupe, aber dennoch aufrecht los.

Nach den ersten paar Schwüngen stelle ich fest: Ein Hang kann steil sein. Komisch, mir war es 25 Jahre lang egal, aber heute fällt es mir wirklich auf, wie steil so ein Berg sein kann! Und hügelig. Ich sehe, erkenne und umschiffe jede Unebenheit im Boden und sehe dabei wahrscheinlich aus, als ob ich einen Sponsoring-Vertrag mit Pampers hätte. Na gut, was soll’s, wenigstens habe ich einen coolen Skianzug an. Baggy-Style, lindgrün, ein Overall; der Look kaschiert so einige Technik-Fehler, hoffe ich jedenfalls.

Nach der dritten Abfahrt im Eierlaufstil habe ich auch noch das Gefühl, ungefähr sechs Jahre lang, ach was, zehn!, die Skigymnastik geschwänzt zu haben, so sehr brennen meine Oberschenkel. Reumütig denke ich an Telegym-Abende mit der Familie in Eiformhocke vor dem Fernseher zurück. Die nächsten Abfahrten klappen ganz gut, ich bin allerdings das Zündapp-Mofa unter lauter Ducatis, wenn ich mir das Telemark-Treiben am Hang so ansehe. „Geschwindigkeit gibt Sicherheit“, doziert Fritz und irgendwie kommt mir der Satz ganz schön bekannt vor. Hat unser Skitrainer vor 20 Jahren auch immer gesagt, nur da haben wir ihn ausgelacht und sind an ihm vorbeigeschossen wie unkontrollierbare russische Langstreckenraketen.

Als wir zum Mittagessen endlich an einer Hütte anhalten, bin ich sehr kleinlaut. Meine Oberschenkel fühlen sich an wie Wackelpudding und ich habe Muskelkater im Rücken. Woher der kommt? Keine Ahnung, aber Fritz meint „vom Stabilisieren“. Wofür mache ich eigentlich seit sieben Jahren Yoga? Ich muss mal ein ernstes Wörtchen mit meinem Yogalehrer wechseln, nehme ich mir vor. Meine Erschöpfung ist offensichtlich und Fritz grinst: „Du brauchst was zu essen!“ Ich blicke den Berg hinauf und sehe drei Telemarker elegant im Tiefschnee-Hang hinunterfahren. „Das ist meine Familie“, erklärt mir Fritz. Das Stubaital ist bekannt für seine vielen Telemark-Fahrer und es wundert mich auch nicht, dass gleich die ganze Fritz-Familie diesen Sport ausübt. Es sieht wirklich toll aus, wenn man das kann! Nur für mich ist das offenbar nichts, das steht langsam fest. Wir gehen zum Essen und eine Portion Pommes später gestehe ich Fritz, dass ich gleich meine Alpinski auspacken werde und keine Lust mehr habe, vor den Bergen in die Knie zu gehen. Er nimmt das relativ locker: „Okay, dann kann ich früher heim, ich muss sowieso noch zur Skigymnastik.“ Später sehe ich ihn schnittig den Berg runterheizen, natürlich immer noch auf Telemark-Skiern. Woher hat er nur die Kraft in den Oberschenkeln? Insgeheim nehme ich mir vor, daheim nachzusehen ob ich das Video mit Rosi Mittermeier noch irgendwo rumliegen habe.

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