4. Februar 2019

Bretter, die die Welt bedeuten: Wellenreiten für Anfänger

Wer in Südafrika lebt, versucht es mindestens einmal im Leben. Nicht selten wird es zur Leidenschaft: Wellenreiten ist nicht nur ein Sport, es ist auch ein Naturerlebnis. Surfer sagen, es sei sogar ein Bekenntnis: Zum Meer, zum Wasser und zur Verbundenheit mit unserem Planeten. Ein Selbstversuch.

Wasser: Kalt. Sehr kalt. Der motivierende Kommentar meines Surflehrers Justin: „Du solltest mal auf die Atlantikseite rüber, da ist es so richtig kalt!“ Ich dachte ja eigentlich, dass ich auf der Südhalbkugel bin und nicht in Grönland, aber gut. Schäle ich mich bei 40 Grad im Schatten also in einen 8 mm dicken Neoprenanzug, der Look: Schaf in Wurstpelle. Sehr sexy. Aber warm, ich muss in’s Wasser!

Ich befinde mich in Muizenberg, dem erklärten Surfen-lernen-Strand Kapstadts, an einer der unzähligen Surfschulen. Mit dabei: Privatlehrer Justin Healy, der selber Profisurfer war und Surfbretter in Handarbeit herstellt. Am Strand wurde heute gehisst: Die schwarze Flagge. Die bedeutet, dass die Sichtbarkeit im Wasser nicht so toll ist, es könnten Haie anwesend sein. Große, weiße Haie. Ich übergehe mein Bauchgefühl und versuche, mich auf das Erlebnis im Wasser zu freuen.

Waveworx Surfbretter von Justin Healy

Waveworx-Surfbretter von Justin Healy. Jedes Brett ist von Hand gefertigt und kreativ designt.

Doch nicht so vorschnell: Zuerst zwingt mich Justin noch zu ein paar peinlichen Aufstehübungen am Strand, die ich wohl zu seiner Zufriedenheit meistere. Danach kriege ich ein Surfbrett verpasst: Leider nicht so schick wie das der geübten sexy Surferboys, dafür schön dick und tragfähig: „So stehst du garantiert nach ein, zwei Stunden auf dem Brett!“ What?? Ich dachte eigentlich, dass die Tortur schneller vorüber ist. Ich schlucke, dann geht’s los. Umständlich, da das Brett sehr unhandlich und riesengroß ist, bugsiere ich das Trumm mit Ach und Krach ins Wasser. Jetzt kommt die nächste Herausforderung: Durch den Surfbreak durchtauchen, mit Brett. Nach gefühlten 20 Wassertoden schaffe ich es halbwegs ordentlich und darf mich auf’s Brett packen. Los geht’s – oder?

„Jetzt paddeln wir erstmal raus“, meint der Surflehrer und ich stöhne. Eigentlich bin ich jetzt schon fix und fertig; wer hat eigentlich gesagt, dass Surfen nicht anstrengend ist? Ach ja richtig, das war wohl ich…

Nach einer Weile paddle ich ziemlich flügellahm und lustlos rum und Justin hat Erbarmen. Ich darf mich mit Blick zum Beach positionieren und warte gebannt auf die nächste ordentliche Welle. Justin gibt letzte Anweisungen: „Nicht aufstehen, erstmal das Brett lenken lernen!“ und ich paddle, als er mir das Kommando erteilt: Wie ein Pinguin auf Acid zische ich los und vergesse fast zu atmen: Grundgütiger, ist das schnell! Kurz vorm Strand hüpfe ich runter und habe wohl ein Grinsen auf dem Gesicht: Blöd nur, dass die Taucherei unter den Wellen durch und das Armlahm-Gepaddel jetzt wieder von vorne losgeht.

Wieder beim Surflehrer angelangt, sind wir nicht mehr alleine: Zwei knapp Zehnjährige sind am gleichen Spot und wir kloppen uns fortan um die beste Startposition. Nach drei, vier weiteren Versuchen befindet Justin, dass ich nun alleine umherdümpeln darf: Er verabschiedet sich, „the surf’s up!“, und paddelt weiter raus zu den „richtigen“ Wellen. Ich schlucke: Da ich nicht gerade die geborene Wasserratte bin, ist mir ein wenig mulmig. Nach vier. fünf weiteren Versuchen habe ich das ultimative Erfolgserlebnis: Ich stehe auf dem Brett! Juchu!

Auf die nächste Welle wuchten sich dann alle drauf: Die zwei Kids und ich. Leider fällt einer der Jungs vom Brett, das mir an die Schläfe schnellt: Ich werde ohnmächtig. Als ich aufwache, hangle ich mich benommen an der Leash, der Sicherheitsleine, die mit dem Surfbrett verbunden ist, an die Wasseroberfläche. Die beiden Kids sitzen auf ihren Brettern und ihre Gesichtsfarbe wechselt zu grün: „Du blutest!“ Jetzt kriege ich Panik. Aber es kommt noch schlimmer: Als ich aufs Meer blicke, sehe ich eine Rückenflosse. Delphine tauchen immer wieder ab, deswegen weiß ich: Das ist definitiv keiner, das ist ein Hai. Von der Great Whites gibt es leider ziemlich viele hier, die meisten sind harmlos, aber man weiß es nie so genau. Ich deute auf die Flosse, schreie noch „Shark!“, und dann paddle ich so schnell ich kann ans Ufer.

Diesmal kriegt er mich nicht, der Hai! Am Ufer steuere ich ziemlich angeschlagen zur Surfschule zurück und der Schulleiter wird blass: „Wie siehst du denn aus?“, fragt er. Dann erklärt er mir, dass er kein Blut sehen kann, hält mir einen kleinen Handspiegel hin und ich stutze: Ich sehe aus wie ein Zombie aus The Walking Dead. Na super. Der Schulleiter wickelt meinen Kopf wegsehend in eine Mullbinde ein: Jetzt könnte ich mich für Die Mumie casten lassen.

Nach zwei Stunden kommt Justin endlich aus dem Wasser. Als er mich sieht, kriegt er einen kleinen Schreck: „Was ist passiert?“, will er wissen. Den Hai hat er nicht gesehen, aber dafür fahren wir jetzt ins Krankenhaus. Im Wartezimmer sitzt eine Frau, die beim Mountainbiken über ihr Rad gefallen ist und deren Bremshebel etwa 20 Zentimeter tief in ihrem Oberschenkel steckt. An sie denke ich tapfer, als der Arzt mir mit sechs Stichen ohne Betäubung („Hast noch genug Adrenalin im Blut, können wir uns sparen!“) die Wunde näht. Aua. Jetzt brauche ich definitiv ein Glas Wein.

Am nächsten Tag gesellt sich ein blaues Auge zur Naht an der Augenbraue hinzu: Ich sehe aus, als ob ich in eine gefährliche Schlägerei geraten wäre.

Zwei Wochen später ruft Justin an: Ich solle mich bereit machen, wir würden wieder surfen gehen. Ich zögere, aber irgendwie habe ich schon ein wenig Lust drauf: Es war ein grandioses Gefühl, über die Wasseroberfläche zu gleiten. Ich sage zu. Der Surflehrer ist stolz auf mich: „Du würdest nie wieder surfen gehen, wenn du das Trauma nicht überwindest!“. Ich frage ihn, ob er schonmal Haie getroffen hat beim Surfen. Er sieht mich an und grinst: „Ja klar, die sind überall. Aber das ist kein Argument, wenn du das Meer und das Surfen liebst. Du musst es einfach mathematisch sehen: Jeder Surfer mehr reduziert für den Einzelnen das Risiko. In Muizenberg surfen ist also fast risikofrei!“ Irgendwie wenig beruhigend, aber ich begreife, dass das wohl der Preis ist, den man für das majestätische Wassergefühl bezahlt. Ich vergewissere mich trotzdem, dass die grüne „Heute noch kein Hai gesichtet!“-Flagge gehisst ist, bevor ich mich in den Robben-Neopren löffele. Als ich auf das Meer blicke, sehe ich eine Delfinschule weit draußen: „Dann sind die Haie woanders“, erklärt Justin. „Die gehen sich aus dem Weg!“

Ob das stimmt? Ich entschließe mich, nicht weiterhin skeptisch zu sein, sondern erleichtert. Und dann geht es ins Wasser: Ich fühle mich großartig. So langsam erahne ich den Geschmack, den der Sport hinterlässt, wenn man das Brett gut beherrscht. Ich beginne zu paddeln.

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